Macht macht Angst — weil sie meist von Gruppen ausgeht, die bewaffnet und uns organisatorisch überlegen sind. In gewisser Weise war es aber auch Angst, die die Macht erst hervorgebracht hat. Angst vor einem radikal gefährlichen chaotischen Urzustand, in dem „der Mensch des Menschen Wolf“ ist und der nur durch die Installation einer allgemein verbindlichen Ordnungsmacht zu bändigen ist. Im Lauf der Geschichte verliert Herrschaft jedoch häufig ihre rational nachvollziehbare Funktion und entwickelt ein Eigenleben. Es ist dann die Macht selbst, vor der die ihr Unterworfenen am meisten Angst haben müssten. Diese Furcht bleibt jedoch oft uneingestanden und verschiebt sich auf ungefährlichere Gegner: etwa ausländische Mächte, Minoritäten im eigenen Land oder eine Seuche. Die Herrschenden haben es im Laufe von Jahrhunderten gelernt, Angst zu lenken und virtuos auf der Klaviatur menschlicher emotionaler Labilität zu spielen.
